Preisträgertexte des 5. Schreibwettbewerbs „Schreibfieber“

zum Thema „Brücken“

Preisträgerinnen:

Unterstufe:

Alisa Wolf, 5b (1. Preis)

Sophie Petermann, 5b (2. Preis)

Antonia Schielein, 6d (3. Preis)

Mittelstufe:

Ann-Kathrin Glöckner, 8d (1. Preis)

Teresa Waller, 8d (2. Preis)

Rebecca Glöckner, 7c (3. Preis)

Oberstufe:

Maria Hug, 10b (1. Preis)

Franzi Rauber, 13 (2. Preis)

Stella Schalamon, 13 (2. Preis)

Anna Rudmann, 10b (3. Preis)

Achtungspreise:

Klara Martens, 12

Anna Schuckelt, 6e

Sarah Yegit, 12

Hannah Tebartz van Elst, 8d

Melanie Lang, 8c

Verena Reiss, 13

Marlene Stier, 7c

Christina Willmann, 12

Stella Kaltenbach, 8a

Maria Boerner, 10e

„Brücken“ hieß das Thema des diesjährigen und bereits fünften Schreibwettbewerbs am St. Ursula Gymnasium. Die Jury freute sich über mehr als 60 Erzählungen, Gedichte und Kurzgeschichten. Die „Brücken“ spannten sich vom „malerischen Bild der venezianischen Lagunenstadt“, über die „Lebensbrücken“ bis hin zum trennenden, aber auch verbindenden Element zwischen den Menschen. „Brücken“, das zeigen uns die Texte, sind im übertragenen Sinn Bestandteile unseres Lebens und wir sind immer wieder gefordert diese anzunehmen. Das Thema wurde originell und ausgesprochen vielfältig sowie sprachlich versiert von den Schülerinnen umgesetzt.

Doris Freudig und Pascal Emrich

 

Welche Texte gewonnen haben erfährst du hier...

1. Platz, Unterstufe

SOS von Eiszapfen Andy

Ich freute mich schon sehr. Heute würden wir zum Nordpol fahren und dort meine Cousine besuchen. Wenn ich bei ihr bin, wollen wir uns an Eiswänden abseilen und mit ihrem neuen Haustier, einem Schneewolf, durch den Nordpol fahren.

Mein Koffer war bis auf die letzte Ecke gefüllt. Wir fuhren mit unserem Auto zum kanadischen Hafen. Hier hatten wir ein kleines Boot....

Nach einer ewigen Fahrt, so kam es mir vor, erreichten wir endlich den Nordpol. Meine Cousine, meine Tante und Onkel sowie mein kleiner Cousin begrüßten uns. Ich fiel meiner Cousine in die Arme. Währenddessen hievten meine Eltern und mein Onkel das Gepäck auf einen Schlitten.

[...] Der Schnee glitzerte und die Sonne ragte ein ganz kleines bisschen aus dem wolkenbedeckten Himmel. Ich hörte den Schneewolf meiner Cousine. Anscheinend band sie ihn schon an den Schlitten. Ich sprang aus dem harten Bett und stolperte zu meiner Cousine. Meine Cousine hielt eine kleine Papierrolle in der Hand. Als sie mich sah, warf sie mir das Papier zu und rief: „Lies es!“. Ich rollte die Papierrolle aus und las: „Liebe Mathilde“, so heißt meine Cousine, „es ist furchtbar heiß. Wir brauchen dringend deine Hilfe. Eiszapfen Andy.“ Ich lief zu meiner Cousine und warf ihr die Papierrolle zu. „Kommst du mit?“, frage sie mich. „Klar“, antwortete ich. Ich sprang zu ihr in den Schlitten und los ging es.

Nach einer Weile erreichten wir unser Ziel. Ein Fluss trennte uns von ihm. Ich sah eine prächtige Brücke. Tausende von Eiskristallen hingen von ihr und auch tausende Eiszapfen. Doch da sah ich, dass viele Tropfen von der Brücke in den Fluss tropften. Ein Eiszapfen schnupfte sich in ein Taschentuch. Da erklärte mir Mathilde, dass Eiszapfen Schnupfen kriegen, wenn es zu warm ist. Der kleine Eiszapfen konnte sich nicht mehr an der prachtvollen Brücke halten und fiel in den tiefen Wassergraben. Gerade rechtzeitig fing ich ihn auf. Da fragte ich Mathilde, was wir bloß machen könnten. Doch bevor ich die Frage vollendete, fiel mir eine geniale Idee ein. „Warum bauen wir nicht eine neue Brücke?“.

Das war echt keine schlechte Idee. Mathilde hatte schon viele Brücken entworfen. Mathilde sagte: „Wir müssen dazu aber die ganzen Eiszapfen zu einem viel kälteren Gebiet tragen.“ Das würde nicht leicht werden, doch es gab ja den Schneewolf von Mathilde. Gesagt, getan!

In einer Stunde lagen die Eiszapfen an einem westlich gelegenen Fluss. Die dort vorhandenen Eisklötze ließen sich leicht zu einer Brücke zusammenfügen. Die Eiszapfen hüpften vor Freude an den Brückensäulen und Geländern hin und her, sie waren gerettet....

Alisa Wolf, 5b

Ausschnitt aus dem Kommentar der Jury: Alisas Geschichte ist wirklich originell. Sie entwickelt eine ganz eigene Idee und es hat uns Spaß gemacht, mit ihren Eiszapfen zu zittern und wir waren froh, sie am Ende an der Brücke gerettet zu wissen. Besonders gefallen hat uns außerdem, dass Alisa mit wenigen treffenden Worten die Landschaft am Nordpol beschreibt und eine eiskalte Stimmung erzeugt.

2. Platz, Mittelstufe

Die Stadt der Brücken

Über das Wasser spannen sich tausend Brücken.

Solche Pracht, nur um das Auge zu entzücken.

Geländer geformt wie eiserne Ranken.

Unter denen schon Galeeren und Gondeln sanken.

Die Paläste, die Künstler so schön bemalten.

Deren Farben schon vor Jahrhunderten im Sonnenlicht erstrahlten.

Von den Wänden der Häuser starren grausame Fratzen.

Auf dem Markusplatz thront der Löwe auf seinen Tatzen.

Hoch droben stehen die Pferde stampfend und schnaubend.

So schön, fast schon atemberaubend.

Auf Santa Maria verkünden die Engel Gottes Segen.

An ihren Gesichtern läuft herab wie Tränen der Regen.

Über der Stadt kreisen vom Meer her die Möwen.

Auch sie blicken hinab auf den Markuslöwen.

Auch wenn das Wasser schon nagt an den Pfeilern aus Stein.

Doch Venedig wird immer die Stadt der tausend Brücken sein.

Teresa Waller, 8d

Ausschnitt aus dem Kommentar der Jury: Wer in Venedig war, weiß, dass Teresa in ihrem sprachlich ausgefeilten Gedicht die einzigartige Stimmung der Lagunenstadt mit treffender Sprache eingefangen hat. Sie wählt ihre Worte von zart-schimmernd bis kraftvoll und mächtig, sodass die vielfachen Gesichter dieser Stadt vor unserem inneren Auge lebendig werden.

    

1. Platz Oberstufe

Die In Der Mitte

Es war eine eklig feuchte und kalte Nacht. Die Knochen der Alten zogen sich schmerzhaft zusammen, was die Winterluft mit einem leichten Knarren erfüllte. Niemand war sie an diesem Tag besuchen gekommen, weder von links, noch von rechts, doch die Alte machte ihnen keine Vorwürfe, nicht bei diesem Wetter.

Dennoch machte sie sich Sorgen. Die in der Mitte saß halb erfroren auf ihr, über dem beinahe starren Wasser. Ihre Lippen waren komisch, nicht das fleischige Rosa, das sie sonst trugen, sondern blau.[...]

Sie überlegte träge, warum der Schönling noch nicht aufgetaucht war, um die in der Mitte, mit all ihren Dosen und Papierdecken, mitzunehmen. Früher hatte er das immer gemacht, jedenfalls wenn es kälter wurde. Er hatte der in der Mitte eine Hand auf die kurzen Haare gelegt und ihre Sachen genommen, und dann waren sie verschwunden. Der Schönling war von der linken Seite gekommen, von den reichen Häusern, die immer Rauch ausspuckten, der den hölzernen Knochen der Alten noch Monate später zu schaffen machte, doch das trug nun nichts zur Sache bei.

Wenn sie ihre Gedanken ein wenig mit dem Fluss wandern ließ, war der Schönling schon lange nicht mehr aufgetaucht, auch nicht zum Picknick, wenn es warm war oder zum Reden, bei Herbst. Vielleicht wollte er nicht mehr bei der in der Mitte sein, weil sie jetzt nicht mehr flach war, sondern eine Kugel als Bauch trug. Die Alte wusste nicht so recht, was die Kugel war, doch sie schien zu wachsen, je mehr Nächte vorbeizogen, weswegen sie vermutete, dass es eine Art Wärmesack für den Winter war. Außerdem schien die Kugel viel zu wiegen, denn manchmal geschah es, dass die in der Mitte sie mit ihren Spinnenarmen umklammert hielt und weinte und weinte und weinte. Aber vielleicht war sie auch nur traurig. Was wusste die Alte schon über Menschenwesen, abgesehen dass sie klein und komisch und zerbrechlich waren.

[...] Wenigstens für ein paar Stunden hielten die Farben des Wassers die Alte vollkommen gefangen, wenigstens so lange bis ein neuer Ton sie erreichte. Nicht das Glucksen der Wellen, das Wimmern von der in der Mitte oder etwa das Geschrei von rechts oder links. Dies war höher, dem vorherigen Ruf derer in der Mitte nicht ganz unähnlich und seltsam ... klein. Ja, das Geräusch war klein, und als die Alte ihren Blick auf die in der Mitte richtete, welche immer noch schmal und zusammengekrümmt am Rande der Alten lag, erkannte sie, dass es auch von etwas Kleinem stammte. Etwas Kleinem, unendlich Zerbrechlichem, etwas Rotem, Verquollenem, das die in der Mitte festhielt, als sei es ein Haltestrick oder die einzige Rettung, die der Welt noch blieb. In seinen fuchtelnden Armen erkannte die Alte die in der Mitte wieder, und sie fragte sich, wo er wohl hergekommen war, dieser kleine Menschling, nahezu allein in der kalten Winternacht.

In ihrer Neugierde ließ die Alte ihr Bewusstsein an dem Holz ihres Rückens entlang gleiten bis es die in der Mitte erreichte. Der kleine Menschling in ihren Armen schien nicht aufhören zu wollen diesen hohen, durchdringenden Ton auszustoßen. Die Alte überlegte, ob es wohl daran lag, dass er fror, so wie die in der Mitte fror, denn die Kälte der Nacht nahm mit jeder Minute die verging nur weiter zu. Die in der Mitte wand ihre dünne Form um die des Menschlings, bis jeder Flecken Haut und jeder Körperteil das kleine Dings irgendwie bedeckt war, doch seine Schreie wollten und wollten nicht aufhören. Selbst das brausende Lied des Flusses, das die Alte heute sogar besonders beruhigend fand, vermochte es nicht, das kleine Ding zur Ruhe zu bringen.

Inzwischen hatte die in der Mitte erneut angefangen zu heulen. Ihr Körper wurde von ihren Schluchzern durchschüttelt wie ein Baum im Wind. Die Alte war davon überzeugt, dass all das Wasser, das ihre Wangen herunter rann, nur noch mehr Kälte erzeugte, aber die in der Mitte schien das nicht zu kümmern. Oder wer weiß. Vielleicht kümmerte es sie, aber sie konnte nichts daran ändern. So war es offenbar oft im Leben derer in der Mitte. Die Dinge, die sie tun wollte, und die Dinge, die sie tun konnte, waren niemals dasselbe.

Es dauerte bis die Geräusche des Menschlings verstrichen. Es dauerte Minuten, vielleicht sogar Stunden, was wusste die Alte schon von Zeit. Doch als die ersten Strahlen der Sonne zögerlich begannen, den Himmel zu erkunden, war das kleine Ding still in den Armen derer in der Mitte. Die stand nun auf, den Menschling immer noch in den Armen, und wandte ihre Augen der aufgehenden Sonne zu. In ihrem Blick lag etwas seltsam Fernes, ein Ausdruck den die Alte erst wenige Male bei ihr bemerkt hatte.

Es war der Ausdruck, den sie trug, wenn der Schönling sie verließ und seinen Weg nach rechts fortsetzte. Der Ausdruck, den sie trug, wenn er ging. "Auf Wiedersehen", dachte die Alte. In ihren Augen lag eine Verabschiedung, wenn auch eine stumme. Hätte die in der Mitte jenen Blick nicht so fest auf den kleinen Menschling gerichtet, hätte die Alte vielleicht sogar angenommen, er wäre für sie gedacht. Doch das war unmöglich. Die Menschen sahen die Alte nicht, zumindest nicht so wie sie war. Ein kleiner Teil von ihr hatte dennoch angenommen, dass es mit der in der Mitte anders sein würde, denn auch sie wurde nicht gesehen, nicht wirklich jedenfalls. Wir sind unsichtbar, dachte die Alte, Dich und mich sieht niemand.

Langsam, aber mit Überzeugung, ging die in der Mitte am Rand der Alten entlang. Ihre schleppenden Schritte zogen eine Spur über deren Rücken, die ihre Knochen sofort mit einem hässlichen Knacken quittierten. Die in der Mitte blieb nicht stehen. Ihr Ziel war eine Aushöhlung am unteren Ende der Alten. Eine der schweren Masten, die sie aufrecht hielten, hatte unter dem Druck unzähliger einsamer Nächte nachgegeben und ein Loch gebildet. Das Loch war klein, aber es war trocken, und seine Größe kein Problem für den kleinen Menschling. Die in der Mitte bettete ihn in der Höhle wie eine Kostbarkeit, langsam und zärtlich. Mit wachsender Unruhe beobachtete die Alte ihre Handlung. Wollte sie etwa den Schönling besuchen, jetzt, zu dieser Zeit? War da deswegen dieser Ausdruck in ihren Augen gelegen? Weil sie vorhatte zu gehen? Die Alte hoffte es nicht. Noch weitere Nächte mit dem schreienden Ding würden sie umbringen, da war sie sich sicher. Die in der Mitte hob die Spinnenarme und riss heftig an ihrer Kleidung bis der Stoff nachgab und die dünne Haut darunter zum Vorschein kam; blass und weiß wie der Mond. Bevor die Alte sich wundern konnte, welchen Irrsinn die in der Mitte nun plante, breitete diese den Stoff über das kleine Ding. Sie wickelte es ein, so wie sie es zuvor in ihren Armen eingewickelt hatte, solange bis nur noch der verquollene Kopf oben herausschaute. Dann trat sie zurück und mit einem letzten Blick auf den kleinen Menschling drehte sich die in der Mitte um. Ihre Schultern bebten merkwürdig, ihr Körper zitterte, doch sie hob den Kopf zum Himmel. Ihre Lippen lächelten nun, doch es war kein unschuldiges Lächeln, wie das der Kinder im Park, kein hingerissenes Lächeln, wie das der Paare am Rand der Alten. Es war ein gebrochenes Lächeln mit ein wenig Schuld, ein wenig Wahnsinn und ein wenig Trauer. Mit allem was nicht in einem Lächeln stecken sollte.

Die in der Mitte lächelte noch immer, als sie ihre Beine über die Absicherung am Rand der Alten schwang. Erst ein Bein, dann ein zweites, bis sie ganz außen stand, einen Atemzug entfernt von den vielen Metern, die sie vom Fluss trennten. Einen Schritt entfernt.

Sie krallte ihre Finger in die Alte hinein, so tief, dass ihre Nägel mit Sicherheit schmerzen mussten. Sie atmete ein. Sie atmete aus. Am Himmel zeigte sich die Sonne. Dann hob die in der Mitte einen Arm. Den rechten? Den linken? Die Alte wusste es nicht mehr. Die Dinge verschmolzen auf seltsamste Art und Weise bis nichts mehr blieb, außer der in der Mitte, die am Rand der Alten stand wie ein Vogel, die Arme erhoben, den Rücken gerade. Halt, wollte die Alte schreien. Halt, du bist kein Vogel. Wärst du ein Vogel, wärst du doch niemals hier geblieben, bei mir. Wärst du ein Vogel, wärst du nach links geflogen, nach rechts, weg von hier. Weg von mir! Vögel sind frei. Vögel sind sichtbar. Vögel   Die Alte machte kein Geräusch. Sie war still, der Wind war still, die Bäume waren still. Nur der Fluss war laut als die in der Mitte sprang. Sie hob ab und segelte in Richtung Sonne und für den Bruchteil eines Moments flog sie. Dann fiel die in der Mitte herab wie ein Stein.[...]

Als die Menschen schließlich wieder kamen, kamen sie nicht alleine. Sie kamen mit Eisenmonstern, groß und furchteinflößend, die sie rund um die Alte herum platzierten. Anstatt zu schreien, wie sonst, flüsterten sie nur. Es war die Schuld der Alten, sagten sie. Es war ihre Schuld, dass sie dort stand, über dem Fluss, und die Menschen dazu brachte, sich wie Vögel von ihrer Kante zu werfen. Sie war eine Verführerin. Sie war eine Verbrecherin. Sie war schuldig. Sie musste bezahlen.

Hätte die Alte eine Stimme gehabt, so hätte sie ihnen gesagt, dass sie keine Schuld traf. Sie hätte ihnen gesagt, dass die Menschen, die sich über ihren Rand warfen, alleine waren und unsichtbar. Dass sie sowohl rechts als auch links nicht aufgenommen worden waren, sodass sie nur noch einen Platz bei der Alten gefunden hatten. Sie hätte ihnen gesagt, dass es sie gewesen war, die Menschlinge aufgefangen hatte, wenn sie an der Kante hingen oder gar fielen. In der Mitte über dem brausenden Fluss hatten sie ein Zuhause gefunden. Aber die Alte hatte keine Stimme und selbst wenn, würde ihr niemand zuhören. Sie war unsichtbar. Sie war unwichtig.[...]

Maria Hug, 10b

Ausschnitt aus dem Kommentar der Jury: Der Text von Maria hat uns sehr beeindruckt und in seinen Bann gezogen. Sie lässt uns mit den Augen einer alten Brücke auf uns Menschen schauen und erzeugt damit einen außergewöhnlichen und zugleich weisen Blick, der uns nachdenklich werden lässt. Das Schicksal dieser einsamen, verlassenen Frau in der Mitte rüttelt an uns und die Ignoranz der Menschen, die die Brücke am Ende zerstören, macht betroffen. Die Stimmung, die Maria mit ihrer dichten Sprache und dem geheimnisvollen, aber immer folgerichtigen Aufbau erzeugt, ist unglaublich. Sie hat einen außergewöhnlichen Text geschrieben.

3. Platz, Oberstufe

Brücken

Sie rümpfen die Nase, wenn sie vorbeigehen.

Sie vermeiden es, ihn anzusehen,

wie er dasitzt, einsam und allein im Dreck,

„Tagelöhner. Nichtsnutz. Penner“, flüstern sie im vorbeigehen.

Stolz und erhaben, dass sie anders sind, nicht wie er.

Besser.

Nicht unter diesen schmutzigen Bedingungen hausen müssen.

Doch sie wissen nicht, was es heißt zu hungern –

sie beklagen sich über volle Bäuche

Sie wissen nicht,

wie es ist, um Essen zu betteln – sie werfen weg

sie wissen nicht,

wie es ist, in Mülltonnen danach zu suchen –

sie sind diejenigen, die die Tonnen füllen.

Sie müssen sich nicht fragen,

ob sie in der Nacht erfrieren – sie drehen einfach die Heizung auf.

Sie wissen nicht,

wie glücklich er über diese Brücke ist.

Was sie ihm bedeutet.

Dass sie sein Zufluchtsort ist,

ihm Schutz vor dem kalten Wind gibt.

Sie sehen in dieser Brücke

eine alte, schmutzige Brücke.

Er sieht hier einen Ort, an den er immer wieder zurückkehren kann,

der ihm Geborgenheit bietet, ihn beschützt.

Unter den riesigen Steinquadern,

die sich in mächtigen Bögen sanft über den Fluss spannen, fühlt er sich

sicher.

Wie ein Kind in den Armen seiner Mutter.

Für ihn ist diese Brücke

Zuhause.

Anna Rudmann, 10b

Ausschnitt aus dem Kommentar der Jury: Anna stellt in ihrem poetischen Text zwei gegensätzliche Sichtweisen auf einen Ort dar. Mit Feingefühl beschreibt sie einen Menschen, der sich einsam unter eine Brücke flüchtet und dort ein Zuhause findet. Mit starken Worten bringt sie die Unfähigkeit der anderen Menschen zum Ausdruck, diesen Einsamen zu verstehen und die Brücke als sein Zuhause zu begreifen, wenn sie schreibt: "Sie wissen nicht, wie es ist, um Essen zu betteln - sie werfen weg, ..., Sie wissen nicht, wie glücklich er über diese Brücke ist."