‚St. Ursula‘ trifft ‚Sainte Ursule‘ – Bericht vom Tours-Austausch 2013

„Können wir nicht noch ein bisschen da bleiben? Nur das Wochenende?“ Wenn aus dem Munde der meisten Teilnehmerinnen am Ende des Frankreichaustauschs unserer Schule solche oder ähnliche Sätze zu hören sind, dann ist das sicher nicht das schlechteste Zeichen …

Vom 6. November bis zum 15. November 2013 fand der traditionelle Schüleraustausch zwischen dem  St. Ursula Gymnasium Freiburg und dem Lycée Sainte Ursule in Tours statt. Mit dieser Fahrt von 18 Schülerinnen an die Ufer der Loire ging der Austausch in sein 29. Jahr, was jedoch keineswegs  bedeutet, dass sich hier ein immer gleicher Vorgang quasi rituell abgespielt hat.

Zum einen sind die bislang federführenden Kolleginnen, sowohl auf französischer als auch auf deutscher Seite in Ihren wohlverdienten Ruhestand verabschiedet worden, sodass das Projekt inzwischen von zwei Lehrkräften weitergeführt wird,  die in der Vergangenheit bereits die Fahrten mitbegleiten durften; zum anderen enthielt das diesjährige Programm, das Frau Edith Beck, die Deutschlehrerin auf französischer Seite, für die deutschen Gäste vorbereitet hatte, neben einigen altbewährten Programmpunkten auch so manche neue Überraschung.

Nachdem wir mit deutschen Regionalzügen zunächst bis Strasbourg gelangt waren, erwartete uns als erstes landeskundliches Erlebnis eine vierstündige Fahrt im TGV von Strasbourg nach St. Pierre-des-Corps, einem Vorort von Tours mit TGV-Bahnhof. Mit beeindruckender Geschwindigkeit – teilweise über 320 Km/h – legten wir die Strecke von etwa 700 km in ziemlich genau vier Stunden zurück, sodass wir bereits um 16.13 Uhr von unseren französischen  Gastgebern in Tours empfangen werden konnten.

Gleich am ersten Tag erwartete uns eine Begegnung mit regionalen Besonderheiten und ihrer globalen Dimension. Zunächst lernten wir in den „caves troglodytiques“ des Chateau Gaudrelle die hohe Kunst der Herstellung der verschiedenen Vouvray-Weine kennen, die schon im Mittelalter über die Loire in ganz Europa Verbreitung fanden. Zugleich entdeckten mit den in Tuffstein gehauenen Kellern des Weingutes Monmousseau einen der vielen Steinbrüche, aus denen über lange Zeit der typische helle, gelbweiße Stein gewonnen wurde, mit dem nicht zuletzt die Loireschlösser erbaut wurden.

Über Mittag genossen wir eine „Mini-Croisière“ auf der Loire, um im Anschluss an die Bootsfahrt am Ufer dieses größten natürlichen Flusses Europas unser Picknick einzunehmen.

Am Nachmittag schließlich wurde uns in den Räumen von „Terre exotique – civilistations et gastronomie“ ein  höchst sinnlicher Eindruck von den unterschiedlichsten Gewürz-, Tee-, Zucker- und Kakaosorten aus Ländern der ganzen Welt vermittelt, darunter vielfach ehemalige französische Kolonien und Besitzungen.

Der Freitag begann zunächst mit lockeren Aufwärmübungen zur Schulung der französischen Aussprache: Eine französische Kollegin, die auch die dortige Theater-AG betreut, führte mit den deutschen Schülerinnen ein „Atelier de Diction“ durch, dem sich ab 9.00 Uhr das Frühstück zusammen mit dem Schulleiter, M. Alain Cerruti, anschloss. Abgerundet wurde der Vormittag durch eine Stadtführung, welche französische Schüler und Schülerinnen für die deutschen Gäste vorbereitet hatten.

Am Nachmittag wurden die Schülerinnen in die Innenstadt von Tours entlassen, mit dem Auftrag im Rahmen eines Fotoprojektes „typisch französische Szenen“ zu fotografieren; wenn die Franzosen in Freiburg sein werden, sollen sie analog dazu in Freiburg Szenen fotografisch festhalten, die ihnen „typisch deutsch“ erscheinen. Nach Abschluss des Fotoprojektes vor Ort wurden die deutschen Schülerinnen am Abend von ihren Gastgeberinnen und Gastgebern ins Wochenende geführt.

Das Wochenende verbrachten die deutschen Schülerinnen in ihren Gastfamilien, die sich vielfach große Mühe gaben, ihren deutschen Gästen ein besonderes Programm zu bieten: Von einer „Safari“ – also einer Fahrt im Geländewagen – durch die Wälder des Schlosses Chambord bis hin zu einem Wochenendtrip in die französische Hauptstadt Paris.

Der 11. November ist in Tours in zweifacher Hinsicht ein Feiertag: Es ist der Gedenktag des Waffenstillstandes am Ende des Ersten Weltkrieges, aber auch die „Fête St. Martin“ in der Stadt des Heiligen Martin; wir nutzten diesen Tag, um das Schloss von Amboise unter der Anleitung einer sehr freundlichen und ansprechenden Führung zu besichtigen. Über das Schloss hinaus waren die Schülerinnen von dem Clos Lucé beeindruckt, dem Haus von Leonardo Da Vinci, der seine letzten Lebensjahre auf Einladung des französischen Königs Franz I. in Amboise verbrachte und dort auch begraben liegt. Im Park des Clos Lucé konnte man zahlreiche Nachbauten der Entwürfe des „Uomo Universale“ Da Vinci bestaunen und auch ausprobieren.

Tags darauf wurden wir durch das große und beeindruckende Rathaus von Tours geführt, wo die „Responsable des Relations Internationales“, Mme Marie-Bernard Amirault-Deiss, mit viel Einfühlungsvermögen und Leidenschaft uns unsere gemeinsame Geschichte und die daraus resultierende Verantwortung für Europa vor Augen stellte, sowie die Besonderheiten der republikanischen Repräsentationskultur in der Region der königlichen Schlösser erläuterte.

Nach dem Mittagessen in der Schulkantine des Lycée Sainte Ursule folgte am Nachmittag eine ganz praktische Einführung in eine der Spezialitäten der Region: Unter Anleitung von M. Octor, dem Küchenchef  der Schulmensa, durften die deutschen Schülerinnen in einem „Atelier cuisine“ sogenannte „Chouquettes“ herstellen und im  Anschluss an die gelungene Tat diese auch gemeinsam verspeisen.

Eine Besonderheit musikalischer Art durften die Schülerinnen unter Anleitung des Musiklehrers, M. Johan Guiton, am Mittwoch, 13. November, erleben. Zunächst wurde zweistimmig ein Musikstück aus der Zeit der Renaissance eingeübt und gesungen. Im Anschluss daran wurden typische Tänze aus der Zeit der Renaissance einstudiert und ausprobiert: Von der „pavane“ über den „bransle simple“ und „bransle double“ bis zur „gaillarde“.

Nach dem musikalischen Vormittag, stand schließlich am Nachmittag eine Führung durch das „Musée des Beaux Arts“ von Tours an.

Am Donnerstag, den 14. November, brachen die deutschen und die französischen Schülerinnen und Schüler zu einem gemeinsamen Ausflug zu den Schlössern Azay-le-Rideau und Chinon auf. Während die Schülerinnen – bewaffnet mit einem „Audioguide“ – das Wasserschloss Azay-le-Rideau auf eigene Faust in Kleingruppen erkundeten, war für den Nachmittag eine Führung auf der Festung Chinon vorgesehen, welche den Schülerinnen und Schülern recht ausführlich die Entstehungsgeschichte der Burg erläuterte sowie die Bedeutung der französischen Nationalheiligen Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orleans, die hier am 9. März 1429 dem französischen König Karl VII. begegnete und ihn davon überzeugte, gegen die Engländer ins Feld zu ziehen und die Stadt Orléans zu befreien.

Nach solcherlei historischen, landeskundlichen, musikalischen, kulinarischen und künstlerischen Höhepunkten, kam am Freitag schließlich der Moment, voneinander Abschied zu nehmen. Auf das gemeinsame deutsch-französische Frühstück, zu dem uns die Schule am Morgen eingeladen hatte, und auf zahlreiche Dankes- und Abschiedsworte folgten ebenso zahlreiche Umarmungen und Tränen, deren Anlass vordergründig betrachtet zwar ein trauriger war, die aber vielfach auch als Tränen der Vorfreude interpretiert werden können, denn viele Schülerinnen haben schon für die nächsten Ferien ein Wiedersehen verabredet. Länger bleiben konnten wir jedenfalls nicht, die Plätze im TGV nach Strasbourg waren schon reserviert.

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